< Rezension: Digital. Kriminell. Menschlich.

Künstliche Intelligenz (KI) und vernetztes Fahren – Aufbruch zu einer neuen Ära der Verkehrssicherheit?

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Aktiv beim EPK 2025: Peter Schlanstein (links) und Michael Mertens (Bild: GdP)

EPHK a.D. Peter Schlanstein


Von EPHK a.D. Peter Schlanstein


Ein zentrales Side Event des Europäischen Polizeikongresses 2025 widmete sich den Anforderungen an das polizeiliche Einsatzfahrzeug der Zukunft. Der Fokus lag auf automatisiertem und vernetztem Fahren – nicht mehr nur auf Elektromobilität. Diskutiert wurden sicherheitsrelevante Innovationen, etwa Car-to-X-Kommunikation zur Unfallvermeidung auf Autobahnen und adaptive Systeme für Einsatzfahrten. Ein Vertreter der GdP, Lehrender an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Münster, analysierte, ob Künstliche Intelligenz (KI) und „Vehicle-to-Every­thing“ (V2X) die Zahl der Verkehrstoten reduzieren können – mit dem Fazit: Ja, sofern Ethik, Technik und Rechtsrahmen zusammengedacht werden.

Ein Sicherheitsversprechen auf digitaler Basis

Verkehrssicherheit ist eine der drängendsten Herausforderungen moderner Mobilität. Trotz Jahrzehnten technischer Verbesserungen und umfassender Präventionsarbeit sterben europaweit jährlich rund 20.000 Menschen im Straßenverkehr. Allein In Deutschland verloren 2024 mehr als 2.750 Menschen ihr Leben auf der Straße, über 360.000 wurden verletzt – ein gesellschaftlich wie wirtschaftlich dramatisches Ausmaß. Doch ein Wandel ist spürbar: Technologien auf Basis von KI und vernetzter Kommunikation versprechen nicht nur Effizienz, sondern mehr noch: Leben zu retten. Die Hoffnung: Wo der Mensch versagt, kann die Maschine helfen.

 

Das System Straße: Menschlich, fehleranfällig – und (noch) nicht intelligent

Die zentrale Schwachstelle im Straßenverkehr bleibt der Mensch. Deutlich über 90% aller Unfälle entstehen durch menschliches Versagen – sei es durch Ablenkung, Alkohol, Übermüdung, Aggression oder schlicht durch Fehleinschätzung. Dabei ist der Straßenverkehr längst ein hochkomplexes, dyna­misches System, in dem Entscheidungen oft in Sekundenbruchteilen getroffen werden müssen. Die Anforderungen übersteigen die menschliche Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit zunehmend – insbesondere in urban verdichteten, multi­modalen Verkehrsräumen.

 

KI im Fahrzeug: Vom passiven Assistenten zum aktiven Schutzengel

Bereits heute ist KI oft ein Bestandteil moderner Fahrerassistenzsysteme und trägt damit zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bei. Erste Ansätze von KI-basierten Technologien werden für folgende heutzutage häufig für folgende Anwendungen eingesetzt:

 

  • Verkehrszeichenerkennung
  • Fahrerüberwachung (Ablenkung und Fahrerzustand)
  • Parkassistenzsysteme

Für komplexere Assistenz- und Automatisierungssysteme (≥ SAE Level 2) werden in Zukunft leistungsfähige KI-Methoden zum Einsatz kommen, um die komplexen, multilateralen Aufgabestellungen lösen zu können. Mit diesen Fortschritten gehen wachsende Anforderungen an die Vertrauenswürdigkeit und Sicherheit der eingesetzten KI-Systeme einher. Eine verantwortungsvolle Entwicklung und der sichere Einsatz dieser Technologien sind daher zentrale Voraussetzungen für ihren nachhaltigen Beitrag zur Verkehrssicherheit.

Moderne Fahrzeuge sind heute rollende Rechenzentren. Sie sind mit Sensoren, Kameras, Radar und Lidar-Systemen ausgestattet, die Daten in Echtzeit sammeln und analysieren. Was vor wenigen Jahren noch als Hightech galt, gehört mittlerweile zum Standard vieler Modelle: Spurhalte­assistenten, automatische Notbremsungen, adaptive Temporegler, Totwinkelwarner. Doch der Unterschied liegt im Detail: Diese Systeme sind nicht mehr nur reaktiv. Sie nutzen teilweise KI-Algorithmen, um Muster zu erkennen, Fahrverhalten zu interpretieren und komplexe Situationen zu bewerten – schneller, konsistenter und fehlerfreier als ein Mensch.

Dazu ein Beispiel: Ein Fußgänger tritt unerwartet auf die Fahrbahn. Während ein Mensch reagieren muss, hat das KI-System den Fußgänger bereits erkannt, die Situation bewertet und im Bruchteil einer Sekunde gebremst. Neue Pkw müssen seit Juli 2024 europaweit mit verschiedenen Assistenzsystemen ausgestattet sein. Nach Einschätzung der EU-Kommission sollen allein durch die festgelegte Assistenzsystem-Pflicht der Verordnung (EU) 2019/2144, bekannt als General Safety Regulation (GSR), mehr als 25.000 Unfalltote und mindestens 140.000 Schwerverletzte in Europa bis 2038 vermieden werden.

Vernetztes Fahren: Der Verkehr wird zum digitalen Schwarm

Die zweite Revolution: Kommunikation. Im Konzept des vernetzten Fahrens tauschen Fahrzeuge Informationen mit ihrer Umwelt aus – mit anderen Autos (C2C), mit Ampeln und Verkehrsleitsystemen (C2I), mit Navigationsdiensten, sogar mit Fußgängern über Smartphones (C2X). Die Wirkung ist tiefgreifend: Relevante Informationen werden in Echtzeit weitergegeben, z.B. über Glätte, Staus, Unfälle, Baustellen, Bremsmanöver oder Wetterverhältnisse. Dadurch können kritische Situationen frühzeitig erkannt, Reaktionen angepasst und Unfälle verhindert werden. Das beginnend mit einer Pilotphase 2019 eingeführte EU-Projekt C-ITS (Cooperative Intelligent Transport Systems) besitzt das Potenzial, die Verkehrssicherheit in Europa deutlich zu erhöhen, indem es vernetzte Fahrtechnologien einsetzt, um die Häufigkeit tödlicher Verkehrsunfälle zu reduzieren. Die Wirksamkeit solcher Systeme hängt von der sukzessiven breiten Einführung und Integration in bestehende Verkehrsmanagement-Systeme ab.

 

Intelligente Infrastruktur: Wenn auch die Straße denkt

Nicht nur Fahrzeuge werden intelligent – auch die Infrastruktur. In Hamburg wurden bereits im Rahmen des ITS-Weltkongresses 2021, dem größten Event für intelligente Verkehrssysteme und -dienste (ITS), intelligente Ampelsysteme und adaptive Verkehrsführungen getestet. Verkehrsflüsse wurden in Echtzeit angepasst, Rettungsfahrzeugen Vorrang eingeräumt, Fußgänger-Ampelphasen dynamisch gesteuert. C-ITS steht für „Cooperative Intelligent Transport System“. Es bezeichnet kooperative Technologien zur Kommunikation von Fahrzeugen mit anderen Fahrzeugen, der Infrastruktur und anderen Verkehrsteilnehmenden, um Informationen und Warnungen über Verkehrs – und Gefahrensituationen per Direktkommunikation bzw. über ein Backend austauschen zu können. C-ITS bietet die Möglichkeit des verkehrsträgerübergreifenden, kooperativen Austauschs sicherheitsrelevanter Informationen zwischen motorisierten und nichtmotorisierten Fahrzeugen, der Infrastruktur und anderen  Verkehrsteilnehmenden wie z.B. zu Fuß Gehenden. Dadurch werden zusätz­liche Unfallszenarien im Sinne der „Vision Zero“ adressierbar. Der Nutzen zeigt sich insbesondere bei verletzlichen Verkehrsteilnehmenden: Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Vernetzte Ampeln können z.B. Rollatoren erkennen und die Grünphase verlängern und damit gefährliche Situationen vermeiden.

 

Der Mensch bleibt – aber in ­anderer Rolle

Die größte Herausforderung: Der Mensch verlässt sich auf Technik – manchmal zu sehr. Studien belegen: Wer Assistenzsysteme nutzt, neigt dazu, sich weniger zu konzentrieren. Eine paradoxe Wirkung: Technik, die schützen soll, kann falsches Sicherheitsgefühl erzeugen und neue Risiken schaffen.

Dazu kommen ethische und juristische Fragen:

  • Wer trägt Verantwortung bei einem Unfall mit KI-gesteuerten Fahrzeugen?
  • Welche Entscheidungen trifft ein System, wenn ein Unfall unvermeidbar ist?
  • Wie transparent und nachvollziehbar sind KI-gesteuerte Prozesse?

Diese Fragen sind nicht trivial – und sie betreffen auch die Arbeit der Polizei unmittelbar.

 

Neue Werkzeuge für die Polizei: Prävention 4.0

Besonders auch für die Polizei ergeben sich durch KI und vernetzte Systeme neue Handlungsoptionen. In den folgenden Bereichen zeigt sich das besonders deutlich:

 

Unfallprävention durch prädiktive Analysen

Historische Unfalldaten kombiniert mit Echtzeitverkehr, Wetter- und Mobilitätsdaten können Hotspots identifizieren  lange bevor Unfälle passieren. So können Kontrollen, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder bauliche Maßnahmen gezielt geplant werden.

 Effizientere Einsatzsteuerung

Mit Hilfe vernetzter Datenströme können Einsatzrouten dynamisch angepasst, Staus umfahren und Rettungszeiten reduziert werden. Bei Großveranstaltungen ermöglichen KI-Systeme eine risikooptimierte Verkehrslenkung und Engstellenüberwachung in Echtzeit.

Verkehrsüberwachung und Delikt­erkennung

Automatisierte Kennzeichenerkennung (ANPR)

ANPR-Systeme (Automatic Number Plate Recognition) ermöglichen das automatische Erkennen und Überprüfen von Fahrzeugkennzeichen im fließenden oder stehenden Verkehr – z.B. an Kontrollstellen, Mautanlagen oder im Rahmen mobiler Fahndung. So kommen u.a. folgende Anwendungsmöglichkeiten künftig in Betracht:

  • Fahndung und Echtzeitabgleich: Gesuchte Fahrzeuge (z.B. bei Fahrerflucht, gestohlenen Fahrzeugen oder Verkehrsstraftaten) können automatisiert erkannt und gemeldet werden.
  • Schwerpunktkontrollen: Temporäre ANPR-Einsätze an Unfallschwerpunkten oder im Bereich von Raserszenen liefern schnelle, objektive Daten.
  • Kontrolle verkehrsrechtlicher Vorgaben: Erkennung von Fahrverboten, fehlenden Umweltplaketten, fehlendem Versicherungsschutz etc.

KI-gestützte Videoanalyse von Verkehrsereignissen


Die polizeiliche Videoüberwachung beschränkt sich derzeit oft auf punktuelle Echtzeitbeobachtungen oder nachträgliche Sichtung. KI kann hier eine neue Qualität liefern wie z.B.:

  •  Verhaltensanalyse in Echtzeit: KI erkennt Regelverstöße wie Rotlichtfahrten, Geisterfahrten, Falschparker oder riskante Überholmanöver ohne menschliches Zutun.
  • Gefahrensituationen antizipieren: Plötzliche Menschenansammlungen, liegengebliebene Fahrzeuge oder untypische Bewegungsmuster (z.B. Zickzackfahrt) können automatisch gemeldet werden.
  • Unfallrekonstruktion und Beweissicherung: Videodaten aus öffentlichen Verkehrsbereichen lassen sich forensisch auswerten – mit Mustererkennung und Zeitstempelung.

 

Vertrauen schaffen: ­Kommunikation als Schlüssel

Doch das Entwickeln und Vorhalten neuer Technik allein genügt nicht. Die Akzeptanz in der Bevölkerung hängt maßgeblich davon ab, ob der Einsatz verständlich, transparent und nachvollziehbar ist. Der Polizei obliegt es, hier eine zentrale Rolle einzunehmen, und zwar als Mittlerin zwischen Technologie, Gesetz und Bürgern. Aufklärungskampagnen, Schulungsangebote und Einbindung der Bevölkerung erscheinen notwendig, um Ängste abzubauen und die Nutzung intelligenter Systeme als gemeinsames Sicherheitsprojekt zu etablieren.

 

Herausforderungen und Grenzen

Trotz aller Fortschritte bestehen Limitierungen:

 

  • Datenhoheit und Datenschutz: Der ständige Austausch personenbezogener Daten birgt Missbrauchsrisiken.
  • Technikabhängigkeit: Stromausfälle, GPS-Störungen, Softwarefehler – derartige Probleme können die Systeme wenigstens temporär unbrauchbar machen.
  • Rechtlicher Rahmen: Viele rechtliche Fragen zu Haftung, Beweissicherung und Verantwortlichkeit sind noch nicht abschließend geregelt.


Die Einführung wird daher von klaren rechtlichen, ethischen und sicherheitsbezogenen Standards begleitet werden müssen.

Fazit

Intelligenz im Dienst der Sicherheit

Die Digitalisierung des Straßenverkehrs ist unumkehrbar. KI und vernetztes Fahren sind nicht mehr bloße Zukunftsvisionen, sondern werden zur Realität. Sie bergen das Potenzial, tausende Menschenleben jährlich zu retten – sofern die Technik verantwortungsvoll und gezielt einsetzet wird. Für die Polizei bedeutet das, es ergeben sich neue Werkzeuge sowie neue Verantwortungen – aber auch neue Chancen, ihre Kernaufgabe effektiver zu erfüllen: ­Sicherheit zu schaffen. Gelingt dies, kann es – nach langem Verharren der Zahlen der im Straßenverkehr Getöteten und Schwerstverletzten auf einem hohen Plateau – tatsächlich einen historischen Schritt hin zu sicheren Straßen geben, in dem der „human error“ als dominierende Unfallursache Stück für Stück zurückgedrängt wird und damit unzählige Menschenleben gerettet werden. Vision Zero wäre dann nicht nur eine Vision, sondern käme ein großes Stück näher an die Realität.


EPHK a.D. Peter Schlanstein ist seit 2008 hauptamtlich Lehrender und bis heute Gastlehrender für die Fachdisziplinen Verkehrsrecht und Verkehrslehre an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW (HSPV NRW), Münster. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Verkehrsunfallprävention und der Opferschutz nach Verkehrsunfällen. Zuvor hatte Schlanstein verschiedene Stabs- und Führungsfunktionen in Kreispolizeibehörden und bei der Bezirksregierung Arnsberg inne. Seit 2011 ist er Gründungsmitglied und Geschäftsführender Vorstand der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland e.V. mit Sitz Deutsche Hochschule der Polizei (DHPol), Münster. Ferner ist er seit 2012 Gründungsmitglied des Arbeitskreises Verkehr beim Bundesvorstand der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Er ist Mitglied in den Vor-standsausschüssen „Verkehrsmedizin“ sowie „Fahrzeugtechnik“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Seit 2017 ist er zudem Vizepräsident der Landesverkehrswacht NRW.