Smart Borders: Kann KI den Grenzschutz moderner und effizienter gestalten?



Interview mit James T. Penrose, Mitbegründer und CEO von Tranquility AI
Da die Flüchtlings- und Migrantenzahlen in den letzten Jahren Rekordhöhen erreicht haben, stehen Deutschland und andere Industriestaaten innerhalb und außerhalb der Europäischen Union (EU) vor der Frage, wie Grenzen gegen irreguläre Einreise gesichert werden können, ohne dabei die eigenen humanitäre Werten zu gefährden. Entsprechend ist der Bedarf nach einem effizienten und innovativen Screening-System zur Unterstützung bei Asylanträgen noch nie so dringlich gewesen wie heute.
Vor diesem Hintergrund und auf der Basis eines Fachbeitrages in der POLIZEIPRAXIS 1/2025 (Seite 20-21) befragten wir den Technologieunternehmer und ehemaligen Technischen Direktor für Terrorismusbekämpfung bei der US-amerikanischen National Security Agency (NSA) James T. Penrose aus Jackson/Wyoming in einem Interview dazu, wie Künstliche Intelligenz (KI) Sicherheitsbehörden bei der Bewältigung dieses komplexen Problems unterstützen kann.
Redaktion: Sehr geehrter Herr Penrose, wie beurteilen Sie die aktuelle Flüchtlings- und Migrationslage in Europa und hier insbesondere in Deutschland?
James T. Penrose: Die Zahlen sprechen für sich. Allein im vergangenen Jahr 2024 wurden in Deutschland über 230.000 Asylerstanträge gestellt. Damit ist ein enormer logistischer und humanitärer Aufwand verbunden, der datentechnisch gerade die Behörden, die mit der Identifizierung von Personen mit gefährlichen Verbindungen beauftragt sind, vor erhebliche Herausforderungen stellt. Ich bin weder Politiker noch Beamter der Einwanderungsbehörde, aber ich weiß, wie nationale Sicherheitssysteme unter Druck arbeiten. Und derzeit sind diese Systeme überlastet, auch wenn die angeführten Asylerstanträge im Vergleich zum Vorjahr um 28,7 Prozent zurückgegangen sind. Deutschland benötigt neue Instrumente, die das Volumen und die Komplexität der Daten in kürzester Zeit verarbeiten können, um fundierte Screening-Entscheidungen zu ermöglichen.
Redaktion: Wie ist die von Ihnen aufgezeigte Herausforderung im Vergleich zu dem zu beurteilen, was Sie während Ihrer Tätigkeit im US-Geheimdienst erlebt haben?
James T. Penrose: Während meiner Zeit bei der NSA wirkte ich an der Bekämpfung von Terrorismus und Cyberbedrohungen mit, darunter auch an der Fahndung nach Osama bin Laden. Digitale Beweise waren entscheidend, um herauszufinden, wer die Gefährder waren und wie sie vorgingen. Damals verfügten wir noch nicht über die Werkzeuge, die wir heute haben, und ein Großteil der Analysen musste manuell durchgeführt werden. Diese Erfahrungen inspirierten mich zur Entwicklung unseres KI-gestützten Ermittlungstools TimePilot. Dieses Tool bereitet komplexe Indizien auf und präsentiert sie in einem einzigen, intuitiven System. Es analysiert umfangreiche Datenquellen – von Videoüberwachung und sozialen Medien, über Finanzunterlagen bis hin zur Handy-Forensik – und unterstützt im Ergebnis Sicherheitsbeamte dabei, schnellere und fundiertere Entscheidungen zu treffen. Meine Bewertung: Es ist unerlässlich, KI zu nutzen, um die riesige Flut grundverschiedener Daten aufzubereiten. Ohne KI ist das unmöglich.
Redaktion: Welche Daten sind für die Überprüfung und Bedrohungsanalyse relevant?
James T. Penrose: Die Vielfalt ist unglaublich groß. Die zuständigen Behörden betrachten Einwanderungsdokumente, biometrische Daten, das Social-Media-Verhalten, verschlüsselte Nachrichten, Finanzunterlagen und Reisemuster. Kein einzelner menschlicher Analyst kann all dies unter Zeitdruck effektiv verarbeiten. Insofern kommt hier KI eine besondere Bedeutung zu.
Redaktion: Können Sie darstellen, was KI in diesem Zusammenhang konkret tut?
James T. Penrose: KI kann Hinweise so vorsortieren, aufbereiten und nachvollziehbar präsentieren, dass Sicherheitsbeamte auf einen Blick konkrete Bedrohungspotenziale erkennen können. Auf diese Weise können sie rechtzeitige Entscheidungen bezüglich der Einreise nach Deutschland und in die EU treffen. KI zeichnet sich zudem durch Mustererkennung und das Aufdecken kritischer Details aus. Sie kann Tausende von Daten in Sekundenschnelle scannen und Anomalien erkennen, wie beispielsweise widersprüchliche Ausweisdokumente, verdächtige Verbindungen oder Reiserouten, die bekannten Schleuser-Korridoren entsprechen. Doch es geht nicht nur um Warnsignale. KI hilft auch bei der Überprüfung berechtigter Anliegen durch den schnellen Abgleich von Informationen mit vertrauenswürdigen Quellen. Dies ist ebenso wichtig, damit gesetzestreue Personen zügig einreisen können. Also: KI ist die einzige Möglichkeit, Flüchtlinge mit latenten terroristischen oder sonstigen gefährdenden Absichten zu identifizieren.
Redaktion: Berichten Sie uns mehr über TimePilot. Was macht das System einzigartig?
James T. Penrose: TimePilot optimiert Ermittlungsabläufe. Es erfasst und analysiert komplexe Hinweise und fügt sie in einer konkreten Zeitleiste zusammen. Es unterstützt die Polizei bei der Erstellung beweisgestützter Bedrohungsprofile in Stunden statt in Wochen und Monaten. Da das System über 120 Sprachen unterstützt, ist es besonders nützlich im globalen Flüchtlings- und Migrationskontext.
Redaktion: Kann TimePilot missbräuchliche Asylanträge oder gefährliche Verhaltensmuster erkennen?
James T. Penrose: Ja, absolut. Es kann Unstimmigkeiten in Berichten oder Verbindungen zu extremistischen Inhalten erkennen, Signale einer Radikalisierung identifizieren oder Online-Interaktionen mit bekannten Terroristen aufdecken. So werden Personen mit problematischen Verbindungen identifiziert, bevor ihnen Asyl gewährt wird und sie die Möglichkeit haben anzugreifen – sei es mit Messern, Schusswaffen oder Fahrzeugen.
Redaktion: Kann TimePilot in die bestehenden Datenbanken und Sicherheitssysteme Deutschlands integriert werden?
James T. Penrose: Ja, TimePilot lässt sich nahtlos in bestehende Datenbanken und -systeme der deutschen Einwanderungs- und Strafverfolgungsbehörden integrieren. Dadurch trägt es zur Verbesserung der grenzüberschreitenden nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit bei und ermöglicht es, Asylanträge mit international bestehenden Aufzeichnungen und Beobachtungslisten abzugleichen sowie verdächtige Reisemuster aufzudecken.
Redaktion: Dieses Analyseniveau klingt machtvoll. Wie stellen Sie sicher, dass dabei ethische Grenzen nicht überschritten oder die Privatsphäre verletzt wird?
James T. Penrose: Die Beachtung rechtlicher und ethischer Grenzen ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Entwicklungsprozesses und uns sehr wichtig. Gerade das Engagement für eine ethische KI-Entwicklung bildet die Grundlage unseres Handelns. Wir entwickeln die Technologie so, dass sie objektive und damit nachvollziehbare Fakten aufdeckt und gleichzeitig Voreingenommenheit aktiv verhindert. Die endgültigen Entscheidungen liegen stets bei vertrauenswürdigen Fachleuten, bei menschlichen Entscheidungsträgern, die von ihren Regierungen mit der entsprechenden Autorität ausgestattet worden sind.
Redaktion: Wie soll diese Technologie Ihrer Ansicht nach die Menschen bei der Arbeit unterstützen – und nicht ersetzen?
James T. Penrose: Genau darum geht es uns. Wir wollen die Menschen, die diese Arbeit machen, nicht ersetzen. Wir wollen Störfaktoren beseitigen und kritische Informationen schneller ans Licht bringen, damit menschliche Entscheidungsträger sich in der zur Verfügung stehenden Zeit auf das Wesentliche konzentrieren können. KI sollte die Effizienz der an der Mission beteiligten Experten um das Zehnfache steigern. Das größte Risiko bei der Flüchtlingsüberprüfung ist Untätigkeit oder Überforderung. Der Einsatz von KI ist damit die beste Methode, um das Risiko von Angriffen zu minimieren.
Redaktion: Möchten Sie den Leserinnen und Lesern unserer Fachzeitschrift abschließend noch etwas sagen?
James T. Penrose: KI kann die vielfältigen Probleme, die Menschen zur Flucht und zur Asylsuche zwingen, nicht lösen. Aber sie kann den Fachkräften, die mit dem Schutz unserer Gesellschaft beauftragt sind, helfen, schnellere, belegbare und damit bessere Entscheidungen zu treffen. Wenn wir faire und sichere Systeme wollen, müssen wir unseren Experten bessere Werkzeuge an die Hand geben. Und genau hier kommt KI ins Spiel.
Redaktion: Sehr geehrter Herr Penrose, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrem Unternehmen viel Erfolg – nicht zuletzt im Interesse der Sicherheit an den Grenzen (das Interview wurde vom Verantwortlichen Redakteur der Zeitschrift POLIZEIPRAXIS Hartmut Brenneisen unter Mitwirkung von Josias Terschüren, Brandenburg und Marybeth Coffman, Jackson/Wyoming auf digitalem Wege geführt).
Zur Smart Borders Initiative der EU
„Die Smart Borders Initiative der EU umfasst neben anderen Maßnahmen die Einführung eines Schengen-weiten Einreise-Ausreise-Systems (‚Entry-Exit-System‘, abgekürzt EES) und eines europäischen Reiseinformations- und Reisegenehmigungssystems (‚European Travel Information and Authorisation System‘, abgekürzt ETIAS). Auch durch diese Systeme soll der gemeinsame europäische Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts geschützt und innerhalb des Schengenraums Freizügigkeit gewährleistet werden.“
Vgl. https://www.bva.bund.de/DE/Das-BVA/Aufgaben/S/Smart_Borders/smart-borders_node.html, abgerufen am 20.7.2025.
Kontakt zum Unternehmen
Email: info(at)tranquility-ai.com
Website: www.tranqulility.ai


