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Die Spur des Speichels

Alle Bilder: Draeger

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Herkömmliche Blut- und Urintests sind aufwendig, mitunter irreführend, wenn es darum geht, Drogensündern im Straßen­verkehr auf die Schliche zu kommen. In Belgien fischt die Polizei benebelte Autofah­rer seit einigen Jahren mithilfe MODERNER SPEICHELTESTS aus dem Verkehr und in Australien muss man sogar am Arbeitsplatz mit einem Schnell-Screening rechnen. 

Ross Rebagliati hat im doppelten Sinn Sportgeschichte geschrieben. Der ka­nadische Snowboarder surfte sich bei den Olympischen Winterspielen 1998 im japanischen Nagano mit einem Sieg im Riesenslalom zum ersten olympischen Goldmedaillengewinner in dieser Disziplin. Gleichzeitig wurde er als erster Olympionike des Cannabis-Konsums überführt. Er hatte Glück, da Kiffen vor dem Wettkampf da­mals noch nicht geahndet wurde. Rebagliati steht nach wie vor in der ewigen Siegerliste. 

 

Heute steht das Hanfgewächs Cannabis, egal ob es als gepresstes Harz (Haschisch) oder getrocknetes Gras (Marihuana) ge­raucht wird, auf der Schwarzen Liste verbo­tener Dopingmittel. Nicht, weil es die Leis­tungsgrenzen des menschlichen Körpers ins Grenzenlose verschiebt, sondern weil sein Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) die Risikobereitschaft der Athleten erhöht. Gerade auf steilen Pisten kann das sehr gefährlich werden. „Wer kifft, surft riskan­ter!“, warnte die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme bereits im Jahr 2002 vor den berauschen­den Pfeifchen. Gleichwohl, frotzeln Fans, darf eine der attraktivsten Snowboard- Disziplinen nach wie vor „Halfpipe“ heißen. 

 

Grenzwerte auch für Drogen 

Cannabis ist die meist konsumierte „illega­le“ Droge der Welt. Nach Schätzungen des United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) haben im Jahr 2010 bis zu fünf Prozent aller Menschen zwischen 15 und 64 Jahren, das entspricht jedem 25. Erden­bürger, mindestens einmal an einem Joint gezogen. Harte Drogen wie Heroin, Kokain oder Ecstasy wurden sehr viel seltener ge­nommen (Tabelle 1). 

Auch im Straßenverkehr ist, abgesehen von Alkohol, keine andere Droge so häu­fig anzutreffen wie Cannabis, wie die 2011 vorgestellte Studie DRUID (Driving Under Influence of Drugs, Alcohol and Medicines) der deutschen Bundesanstalt für Straßen­wesen zeigte. Europaweit wurden dafür fast 50.000 Autofahrer auf freier Strecke ge­stoppt und auf den Einfluss von Alkohol, ille­galen Drogen oder Medikamenten getestet. Die Autoren der Studie empfahlen anschlie­ßend, Grenzwerte für die drogenbeding­te Fahruntüchtigkeit einzuführen. So wie beim Alkohol. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn beim Alkohol gibt es nicht nur etablierte Grenzwerte, sondern auch mobile und einfach anzuwendende Atemal­koholkontrollen, die gerichtlich verwertbare Analysen direkt vor Ort ermöglichen Bei Drogenkontrollen hingegen werden zum Beispiel von deutschen Polizisten – im Fall von verdächtigen Autofahrern – aufwendige Blutproben angeordnet. Im Vergleich dazu sind Urinproben nur „bedingt aussagekräf­tig“. In den USA wird indes der Ruf nach neuen Testverfahren lauter. „Unsere Polizis­ten brauchen eine Technologie, die es ähn­lich wie atembasierte Kontrollgeräte beim Alkohol erlauben, die Fahruntüchtigkeit bei Drogenkonsum direkt vor Ort festzustel­len“, mahnte US-Senator Charles Schumer im Januar 2012. „Also bevor diese Fahrer und Fahrerinnen einen irreparablen Schaden verursachen können.“ 

Obwohl Drogen und Medikamen­te im menschlichen Körper viele eindeutige Spuren hinterlassen, eignen sich die meisten Körper­substanzen nicht für einen mobilen Schnelltest. In Haaren und Nägeln beispielsweise sind die Substan­zen über Monate nachzuweisen. Eine Aussage über den genauen Zeitpunkt, wann eine Substanz geschluckt, inhaliert oder gespritzt wurde, liefern sie allerdings ebenso wenig wie Schweißpflaster, die über Tage hinweg auf der Haut einwirken müssen. Ganz anders dagegen das menschliche Blut: Es liefert schnelle Ergebnisse, da es den Suchtstoff sofort nach der Verabreichung aufnimmt und im gesamten Körper verteilt. Weil es in seiner chemischen Zusammen­setzung bei allen Menschen sehr einheit­lich ist und während der Entnahme nicht manipuliert werden kann, sind die Analysen zudem sehr zuverlässig. Schließlich lässt sich aus der Konzentration eines Wirkstoffs im Blut unmittelbar die berauschende Wir­kung der Droge im zentralen Nervensystem ableiten. Dennoch gibt es ein K.o.-Kriterium für spontane Verkehrskontrollen: Die Blut­entnahme ist invasiv und kann nur durch medizinisches Fachpersonal vorgenommen werden. Effizienter Speicheltest auch die Urinprobe, die häufig als Vortest für eine Blutprobe dient, hilft bei der Suche nach einem zuverlässigen und schnellen Dro­gen-Screening nur bedingt weiter. Um die Intimsphäre der getesteten Person zu wah­ren, muss sie verdeckt erfolgen, und kann so leicht manipuliert werden. Ein weiteres Problem stellen die vielen falsch-positiven Ergebnisse dar, die unnötige Bluttests nach sich ziehen. Der Grund: Das Abbauprodukt des Cannabis-Wirkstoffs THC schlägt bei einem Urintest viel länger an als der Wirk­stoff selbst. Damit steigt das Risiko, dass der anschließende Bluttest rechtlich ins Leere läuft, denn die Gerichte erkennen lediglich den direkten THC-Nachweis als Beweis für eine Fahruntüchtigkeit an. Der Nachweis des Abbauprodukts hingegen ist rechtlich irrelevant.

 

In Belgien stieg die durch Urintests verursachte Falsch- Positiv-Rate zuletzt auf 15 Prozent. Jede siebte Blutpro­be hätten sich die Verkehrs­hüter streng genommen also sparen können. Ein Ärgernis – für Autofahrer wie Polizisten. 

Viele Jahre lang gab es keine Alternative zu dieser Praxis. Mit der gesetzlichen Verankerung der Speicheltests im Jahr 2010 aber geht das Land nun neue Wege. Seitdem folgen die Verkehrs­kontrollen in Belgien bei Verdacht auf Drogenkonsum einem straffen Plan: Verhält sich ein Autofahrer auffällig, wird ein Spei­cheltest vor Ort durchgeführt. Überschreitet die Konzentration je nach Substanz eine bestimmte Schwelle (siehe Tabelle 2), wird eine zweite Speichelprobe entnommen und zur Bestätigungsanalyse in ein Labor geschickt. Verweigert sich der Autofahrer generell oder kann er sie nicht durchführen, wird eine Blutprobe im nächsten Kranken­haus entnommen. Studien zeigen, dass die Zahl der Fahrer, denen eine Fahruntüch­tigkeit nachgewiesen werden konnte, seit Einführung der Speicheltests gestiegen ist. Auch in Frankreich wurde der Speicheltest inzwischen gesetzlich verankert. Ebenso in Spanien, wo es jedoch bislang keine ver­bindlichen Grenzwerte gibt. 

 

Auf den Punkt 

Speichel bietet ähnlich gute Eigenschaften für einen Drogentest wie Blut. Er besteht zu rund 99 Prozent aus Wasser, das aus den Blutgefäßen in die Speicheldrüsen gelangt und dadurch viele gelöste Stoffe in den Mund- und Rachenraum spült – darunter auch Wirkstoffe von Drogen. Ähnlich wie beim Blut lassen sich zudem eindeutige Aussagen über den Zeitpunkt des Drogen­konsums sowie die berauschende Wirkung treffen. Schließlich kann die Probe einfach, schnell und zuverlässig entnommen wer­den. Selbst für den Wirkstoff THC, der nur in sehr geringem Maß aus dem Blut in den Speichel gelangt, ist das Verfahren geeig­net, da sich die Wirkstoffspuren, die sich beim Rauchen in der Schleimhaut ansam­meln, genauso lange nachweisen lassen, 

wie die Wirkung der Droge im Körper an­hält. Fast wie am Fließband. Hinzu kommt, dass Speicheltest-Geräte nach dem Stand der Technik sehr belastbare Ergebnisse liefern, wie etwa der 2008 eingeführte Drä­ger DrugTest 5000. Das Gerät spürt schon kleine Wirkstoffmengen (THC: fünf Nano­gramm pro Milliliter) auf und bestimmt den Zeitpunkt des Drogenkonsums in einem Zeitfenster von bis zu acht Stunden, wofür es ein Probenvolumen von lediglich 0,28 Milliliter Speichel benötigt. „Auf diese Wei­se lässt sich sehr genau ermitteln, ob ein Mensch kürzlich eine oder mehrere Drogen zu sich genommen hat und davon noch beeinflusst ist“, sagt Dr. Stefan Steinmeyer, verantwortlich für das Thema „Drogentest“ bei Dräger.

 

Neben der Technik muss allerdings auch die gesetzliche Grundlage stimmen. Mas­senhaft finden Speicheltests daher bislang lediglich in Australien statt. Dort werden Drogenkontrollen seit 2004 per Gesetz so forciert wie in keinem anderen Land. Aller­dings ist auch nirgendwo sonst der Canna­bis-Konsum so hoch wie hier. Laut UNODC hat in Australien und Neuseeland mindes­tens jeder neunte Erwachsene im Jahre 2012 Cannabis konsumiert (siehe Tabelle 3). Die Kontrollen beginnen in Australien im Straßenverkehr. Anders als in Belgien wird hier nicht auf Verdacht geprüft, sondern systematisch zur Abschreckung. Zwischen 2004 und 2009 wurden allein im Bundes­staat Victoria mehr als 100.000 Autofahrer auf Drogen getestet. Die Speichel-Schnell­tests am Straßenrand laufen hier fast wie am Fließband. 

Auch am Arbeitsplatz nehmen die Stichpro­ben zu, wie Michael Wheeldon, Managing Director des Drogentest-Dienstleisters Inte­grity Sampling Pty Ltd., erklärt. 

Das Unternehmen wurde 2001 mit der Geschäftsidee gegründet, Mitarbeiter im Auftrag ihrer Arbeitgeber zu überprüfen. Ähnlich wie im Straßenverkehr liegt der Anteil der positiv getesteten Per­sonen bei rund zwei Prozent. „In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Tests stetig gestiegen“, sagt Wheeldon. „In 2012 haben wir mit Dräger-Geräten rund 35.000 Alkohol- und Drogentests durch­geführt.“ Am Anfang waren es vor allem Minenbetreiber, die die Auf­träge vergaben. Heute kommen die Anfragen aus allen sicherheits­relevanten Industrien. 

Eine sinkende Nachfrage befürch­tet der Manager nicht. „Australi­sche Arbeitgeber sind gesetzlich verpflichtet, für die Sicherheit ihrer Angestellten am Arbeitsplatz zu sorgen.“ Dazu zählt eben auch, dass alle im Team tatsächlich nüchtern sind. Frank Grünberg