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DIE WACHE - Ein Blick in den Alltag einer Polizeiwache in NRW

Filmplakat DIE WACHE

Filmplakat DIE WACHE

Regisseurin Eva Wolf

Regisseurin Eva Wolf

Im Fadenkreuz

Im Fadenkreuz

Wir kennen alle die bekannten Fernsehformate, die Streifenwagenbesatzungen bei Autobahnkontrollen begleiten oder die Formate, die den Zuschauern mit nachgestellten Szenen einen angeblichen Einblick in die täglichen Herausforderungen an den Polizeialltag bieten wollen. Letztlich hat das nicht viel mit dem Alltag einer Wache zu tun und die Inhalte werden häufig zu Gunsten der Zuschauerquote künstlich dramatisiert.

Nun hat sich aber die Regisseurin Eva Wolf zum Ziel gesetzt, in einem 90-minütigen Dokumentarfilm einen Einblick in die tägliche Arbeit einer Polizeiwache zu realisieren. Hierzu galt es zuerst viel Überzeugungsarbeit bei den Beteiligten Behörden zu leisten.


Es dauerte Jahre, bis Eva Wolf hinter die Kulissen der Polizei gucken durfte. Nach mehreren Absagen konnte sie im Bundesland Nordrhein-Westfalen Pressesprecher, Polizeipräsidenten und den Innenminister von ihrem Dokumentarfilm-Vorhaben überzeugen. Dann ging sie auf die Suche nach Polizisten, die bereit waren, sich bei ihrer alltäglichen Arbeit filmen zu lassen.

Schlussendlich konnte das Filmteam die Polizisten der Wache Friesenring in Münster begleiten und ihre unterschiedlichen Einsätze aus der Innenansicht erfahrbar machen. Entstanden ist ein einfühlsames Porträt über Menschen, die keine Routine kennen, nur Erfahrung. Gezeigt wird ihr Blick auf unsere Gesellschaft.


Soweit es zum Schutz der Persönlichkeitsrechte erforderlich war, wurden Namen und Örtlichkeiten verändert.


 Im folgenden Interview erläutert die Regisseurin Eva Wolf die Hintergründe und ihre Motivation:


Was ist DIE WACHE für ein Filmprojekt?

Der Film DIE WACHE ist ein beobachtender Dokumentarfilm. Mir geht es darum, den Alltag der Polizei so authentisch wie möglich zu zeigen. Der Film ist aus den Situationen entstanden, die wir auf den Streifenfahrten und in der Wache miterlebt haben. Im Fokus stehen die Beamten und nicht die Einsätze. Es werden die emotionalen und seelischen Herausforderungen, mit denen Polizisten bei ihrer täglichen Arbeit konfrontiert sind, gezeigt. Es geht um die Arbeit im Wach- und Wechseldienst.


Was war Ihre Motivation, einen Film auf einer Polizeistation zu drehen?

Bei den Außenaufnahmen zu meinem letzten Dokumentarfilm INTENSIVSTATION begleitete ich einen Notarztwagen in Berlin. Dort erlebte ich, wie auch die Polizeibeamten vor Ort in einem Einsatz angegriffen wurden. Alle Beteiligten erzählten mir, dass in den letzten Jahren der Ton gegenüber Einsatzkräften viel rauer und die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung geringer geworden sei. Daraus entstand die Idee zu diesem Film. Polizeiarbeit im Alltag – was macht sie eigentlich aus? Wie sehen Polizeibeamte sich selbst in ihrem Verhältnis zum Staat und den Bürgern? Kaum eine Institution in unserer Gesellschaft ist so umstritten wie die Polizei. Sie steht im Fokus, durch ihr Auftreten bei Großdemonstrationen oder durch die unterschiedlichsten Skandale der letzten Zeit. Für diesen Film haben wir diese Fragen bewusst beiseite geschoben. Aber eins ist klar: Nur wenn wir die Gefahren und Schwierigkeiten besser verstehen, mit denen Polizisten zu tun haben, können wir auch diskutieren, wie Missbrauch dieser Staatsgewalt verhindert werden kann.


Welche Schwierigkeiten gab es während der Dreharbeiten?

Die größte Hürde war, ein Bundesland, ein Präsidium und dann letztlich DIE Polizeiwache zu finden, die uns ihr Vertrauen schenkt und mitdrehen lässt. Das klingt einfach, war aber ein langer Weg. Außerdem mussten wir darauf achten, keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Das schränkt den Dreh an Einsatzorten ein. Aber da es mir ja vor allem um die Beamten und nicht um die Einsätze selbst geht, haben wir einen Weg gefunden, filmästhetisch damit umzugehen.


Wie haben Sie die Szenen im Auto realisiert?

Um hinter die Kulissen zu gucken, sind wir vier Monate mit den Polizisten mitgefahren. Wir haben den Polizeiwagen Nummer 35 mit zwei Kameras und Mikrofonen ausgerüstet, die nur den Fahrer und den Beifahrer filmen. Hinten saßen der Kameramann und ich, sowie eine Beamtin aus der Pressestelle des Polizeipräsidiums Münster. Sie hat uns während der gesamten Drehzeit immer wieder begleitet.

Wo Polizisten zum Einsatz gerufen werden, ist es nie gut. Was ist ihr persönlicher Eindruck: Wie hält man eigentlich über Jahre die Konfrontation mit menschlichen Abgründen aus? Geht das spurlos an einem vorbei?


Das geht an keinem spurlos vorbei. Alle Polizisten konnten mir noch bis ins kleinste Detail von dem Auffinden der ersten Leiche erzählen. Das brennt sich ins Gedächtnis ein.

Positiv ist, dass es zumindest in Münster zum Standard gehört, nach einem belastenden Einsatz sofort mit der Aufarbeitung zu beginnen. Egal ob dies gemeinsame Gespräche mit anderen Rettungskräften oder eine psychologische Betreuung und Supervision ist. Ich weiß nicht, ob die Münsteraner dabei so fortschrittlich sind, weil sie durch den Amoklauf 2018 mit einer sehr traumatischen Erfahrung umgehen mussten und sich dadurch genaue Abläufe gebildet haben?


Die Polizisten werden zu Tatorten gerufen, an denen Menschen schlimme Straftaten begangen haben. Aus der Summe dieser Erlebnisse formt sich ihr Bild von unserer

Gesellschaft. Ein Polizist meinte mal zu mir, dass er jeden Tag aktiv mit sich kämpft, keine voreiligen Schlüsse aus den vielen negativen Begegnungen während der Arbeit zu ziehen.


Die Wache – was ist das für ein Ort?

Die Wache ist ein Ort mit vielen Aufgabe. Sie sorgt in einem bestimmten Bereich der Stadt für Sicherheit und stellt dafür die sogenannte „Lage“ fest. Gibt es gerade besonders viele Einbrüche, sind Trickbetrüger unterwegs, gibt es neue Drogen oder stehen Großveranstaltungen an. In der Wache laufen diese Informationen zusammen.

Auf der Wache wird alles dokumentiert. Hier werden auch alle Straftaten weiterbearbeitet. Und es gibt den Gewahrsam. Einen kleinen Zellentrakt, in den tatsächlich regelmäßig Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen eingesperrt werden.


Für unseren Film repräsentiert die Wache den Eintritt in einen Raum, zu dem sonst nur Polizisten Zutritt haben. Wir sehen hinter die Kulisse. Hier besprechen sie ihre Einsätze – reflektieren und treten hinter ihren Uniformen wieder als Individuen hervor.


Gibt es etwas, dass Sie an der Polizeiarbeit besonders beeindruckt hat?

Die Vielfältigkeit der Aufgaben: Die Polizisten werden mit den unterschiedlichsten Situationen konfrontiert und müssen immer eine verhältnismäßige Reaktion für das Geschehen finden. Das kann von einer einfachen Ermahnung bis zum tödlichen Schusswaffengebrauch alles sein. Und jede Situation kann jederzeit eskalieren.


Thema Ausübung der Staatsmacht: Da gibt es die Theorie und die Praxis. Was ist dazu ihr Eindruck?

Mein Eindruck war, dass bei den Polizisten, die wir beobachtet haben, die Praxis nah an der Theorie ist. Sie nehmen stellvertretend für uns die Ausübung von Gewalt wahr. Wir als Gesellschaft brauchen eine funktionierende Polizei. Die Medien berichten oft über Extremfälle, in denen Polizeiarbeit problematisch ist. Wenn ich mir aber den Alltag, die „normale“ Arbeit, der Polizei ansehe, stelle ich fest, dass es hier viel differenzierter zugeht.


Auch ist die Arbeit deutlich vielschichtiger als bekannt. Die Polizei, die ich erlebt habe, ist bunter, als sie von außen wahrgenommen wird. Von den Neueinstellungen sind fast die Hälfte Frauen. Und auch die kulturellen Hintergründe der Polizisten waren vielfältiger, als ich dies erwartet hätte. Nichtsdestotrotz ist es ein System, das auch Regelverstöße begeht und sich dabei selbst überprüfen muss. Ob das gut funktioniert, muss kritisch beurteilt werden.


Die Polizei ist häufig wegen krassem Fehlverhalten in den Medien - aktuell sorgen rechtsradikale Polizisten aus Hessen und Berlin für Schlagzeilen. Wie passt Ihr Film da ins Bild?

Der Film zeigt eine Innenperspektive der Polizei und gewährt Einblicke in die alltägliche Arbeit, die uns normalerweise nicht eröffnet sind. Wir verfolgen hier eine beobachtenden Ansatz, d.h. wir versuchen, die Situation so wenig wie möglich zu beeinflussen und drehen, was wir während der Dreharbeiten mit den Polizisten erleben. Diese Form des Dokumentarfilms hat Vor- und Nachteile.

Der Film ist auf das beschränkt, was sich vor der Kamera ereignet. Er verzichtet auf Kommentare oder Bilder, die über das Geschehen vor der Kamera hinausgehen. Kurz gesagt: Nur das was uns bei den Dreharbeiten begegnet ist, kann auch im Film gezeigt werden.


Dadurch gewinnt der Film an Authentizität, bildet aber eben erst einmal nur den konkreten Ausschnitt aus der Polizeiarbeit ab. Erst aus den Zwischentönen und der genauen Beobachtung werden Strukturen und Handlungsweisungen sichtbar – man muss nur eben genau hinschauen.


Aber entsteht durch Ihre Herangehensweise nicht ein Imagefilm für die Polizei?

Natürlich geben die Polizisten vor der Kamera ein positives Bild. Das macht doch jeder, wenn er gefilmt wird. Die Polizei kontrolliert ihr Bild in der Öffentlichkeit allerdings sehr stark. Dem konnte auch wir uns nicht entziehen. Deshalb machen wir gleich zu Beginn des Films deutlich unter welchen Bedingungen die Aufnahmen für diesen Film entstanden sind.

Trotzdem ist DIE WACHE kein Imagefilm. Denn hier ist nichts gestellt oder für die Kamera inszeniert. Die Polizisten sind nicht gecastet. Sie gehören einer Dienstgruppe der Wache Friesenring in Münster an, die insgesamt bereit war, sich filmen zu lassen.


Der Film zeigt einen Ausschnitt und kann nicht alle Aspekte der Institution Polizei beleuchten. Was man im Film aber sofort sieht: es gibt nicht DIE Polizei. Die Polizisten sind hinter ihrer Uniform sehr unterschiedlich, kommen aus ganz unterschiedlichen Backgrounds und sind alles andere als eine homogene Gruppe.


Erkennbar wird auch die Macht, die sich für die Polizisten aus dem Gewaltmonopol des Staates ergibt. Die Polizisten müssen im Zweifel bereit sein, sich körperlich einzubringen und sogar die Schusswaffe einsetzen. Im Ernstfall müssen sie sich für ihr Vorgehen verantworten. Das kann auch für eine Entscheidung sein, die sie dem Bruchteil einer Sekunde treffen mussten.

Spürbar wird auch, dass sie sich als Gruppe wahrnehmen, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Gegen Kollegen auszusagen kann sehr schwer sein – einfache Lösungen sind da nicht in Sicht.

Der Film zeigt Polizisten, die versuchen ihre Arbeit gut zu machen. Der Film möchte den Zuschauer sensibilisieren und eine Diskussion über die Qualität von Polizeiarbeit anstoßen. Und er möchte auch den Beamten den Rücken stärken, die versuchen ihren Beruf mit einem hohen Bewusstsein für Rechtsstaatlichkeit auszuüben.


Würden Sie den Beruf Polizist empfehlen?

Unbedingt – vor allem für selbstdenkende, kritische Menschen, denn diese brauchen wir als unsere Polizisten. Die Dienstgruppen, die ich begleitet habe, waren sehr gemischte Gruppen. Ich persönlich denke: Je mehr die Polizei, was Gender, sexuelle Orientierung und kulturelle und religiöse Hintergründe angeht, unserer Gesellschaft entspricht, desto besser.

NRW hat den mittleren Polizeidienst nach dem Jahr 2001 abgeschafft. Alle Polizisten im Wach- und Wechseldienst haben seitdem ein Studium abgeschlossen, mit dem sie problemlos zwischen den verschiedenen Polizeibereichen (Streifendienst, Kriminalpolizei, Verkehr, IT, Pressearbeit, etc.) hin und her wechseln können. Das wertet auch die Tätigkeit des Streifenpolizisten auf.


Gab es auch eine komische Situation? Wieviel Humor steckt in einer Polizeiwache?

Die täglichen Begegnungen der Polizisten haben oft auch lustige Elemente. Es ist schon schräg, wenn ein Täter erzählt, dass er sich die Methode seines Diebstahls bei Aktenzeichen XY abgeguckt hat.

Bei den Dreharbeiten sind wir neben den tragischen und traurigen Momenten auch immer wieder in skurrile Situationen geraten: z.B., wenn ein Polizist das Antiterrormaschinengewehr einsetzen wollte, um ein randalierendes Wildschwein zu erschießen, weil andere Waffen erfolglos seien. Am Ende ist das Wildschwein ohne Einsatz aller Waffen entkommen.


REGISSEURIN EVA WOLF

Eva Wolf studierte Filmregie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Sie wuchs in Berlin auf und arbeitete während ihres Studiums in der Krankenpflege. Hier entstand die Idee zu ihrem Dokumentarfilm INTENSIVSTATION, der auf der Duisburger Filmwoche und dem Münchner Dokumentarfilmfest gezeigt wurde und 2014 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert war. Ihr erster Film für Lemme Film / ZDF Das kleine Fernsehspiel war 2010 die Dokumentation 12 MONATE DEUTSCHLAND, ein Film über Austauschschüler, die ein Jahr in deutschen Familien erleben. 2018 drehte Eva Wolf mit DAS MENSCHENMÖGLICHE ihren ersten Spielfilm, zu dem sie auch das Drehbuch schrieb. In der Hauptrolle spielt Alissa Jung. Seine Premiere feierte das Drama auf dem Filmfest München 2019 in der Reihe Neues Deutsches Fernsehen. Der Film erhielt eine Nominierung für den Grimme Preis 2020, Kategorie Fiktion. Seit 2019 nimmt Eva Wolf am ZDF-Förderprogramm für Nachwuchsregisseurinnen teil.


Der Film DIE WACHE erscheint am 25.2. als VoD bei Kino on Demand und kann unter folgendem Link abgerufen werden: https://www.kino-on-demand.com/movies/die-wache - für einen ersten Eindruck findet sich dort auch der Trailer des Films. Zudem kann die Doku auch für Gruppen gegen eine Lizenzgebühr gemietet werden – wahlweise für ein gemeinsames Online-Screening mit anschließender Diskussion, an der sich auf Wunsch gerne auch die Regisseurin Eva Wolf beteiligen kann, oder zu einem späteren Zeitpunkt auch als geschlossene Veranstaltung in einem Kino nach Wahl. Nähere Informationen hierzu gibt es über den Verleih imFilm, Tel: 040 – 43197 137 oder inka.milke(at)im-film.de.

Text: RK, Bilder: Lemme Film