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Einsatz künstlicher Intelligenz in Einsatzfahrzeugen der Polizei

(Bild: VDP (KI))

Ein aktueller Streifenwagen der Polizei als „echtes Arbeitstier“, dessen Motor selten kalt wird. (Bild: Thorben Steckel)

Innenansicht eines aktuellen Streifenwagens – von KI ist hier noch keine Spur. (Bild: Thorben Steckel)

Thorben Steckel

Von Thorben Steckel, Bargfeld-Stegen

Der Autor ist Erster Polizeihauptkommissar, seit 1999 Angehöriger der Landespolizei Schleswig-Holstein und nach 20 Jahren in unterschiedlichen Funktionen der Schutzpolizei aktuell als freigestellter Personalrat tätig. In der GdP ist er u.a. für die Themen der Schutzpolizei zuständig.


Die künstliche Intelligenz (KI) ist gesellschaftlich in aller Munde, ist in den vergangenen Jahren eine Art „Zauberwort“ zur Lösung von Herausforderungen in allen Lebensbereichen geworden und auch im polizeilichen Sprachgebrauch angekommen. Aber wo kann KI bei der täglichen Bewältigung der polizeilichen Aufgabe sinnvoll eingesetzt werden? Dieser Beitrag soll speziell das Potenzial der KI für die Beschäftigten der Polizei im Einsatzfahrzeug betrachten – teilweise noch Zukunftsvision, teilweise bereits in der Erprobung oder schon im Einsatz – nennt aber auch zu erfüllende Voraussetzungen, um zum Erfolg werden zu können.

KI – eine kurze, aber nicht abschließende Erklärung

Die Grundlage für KI bilden computerbasierte Systeme, die in der Lage sind, sehr große Datenmengen in kürzester Zeit zu analysieren und Algorithmen zu nutzen. Im Unterschied zu den bisher bekannten Computersystemen ist KI lernfähig und kann entsprechend ihr Verhalten anpassen. Daraus ableitend kann sie Entscheidungen treffen, für die zuvor menschliche Intelligenz erforderlich gewesen ist. Damit können sie Menschen z.B. vor Unfällen schützen oder so in ihrer Arbeitsumgebung unterstützen, dass definierte Ziele schneller und zuverlässiger erreicht werden können.

Die Veränderung der Kraftfahrzeuge

Kraftfahrzeuge befinden sich in einem Transformationsprozess: weg von mechanischen und hardware-basierten Systemen, hin zu Fahrzeugen, bei denen Software nicht die unterstützende, sondern zentrale Rolle spielen wird. Mit KI-Funktionen wird das Auto zu einem lernenden und interaktiven Begleiter im Alltag. Allgemein können Verkehrsunfälle verhindert oder die Fahrzeugführer bei ihrer Fahrt unterstützt werden. Die technische Entwicklung ist in den vergangenen Jahren rasant vorangeschritten und wird es prognostisch auch weiter tun. Starke Elektromotoren ermöglichen eine bisher nicht dagewesene Leistungsentfaltung von Kraftfahrzeugen und heben bisherige Leistungsgrenzen auf.

Streifenwagen und Arbeitssicherheit

Die starke Beschleunigung und hohe Geschwindigkeit können für die Polizei einerseits einsatztaktisch nützlich sein, andererseits aber auch das Unfallrisiko erhöhen. Die Einsatzfahrzeuge der Polizei sind mobile Büros der Beschäftigten, so dass sie als vollwertige Arbeitsplätze auch den hohen Ansprüchen an die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz unterliegen sollten. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung ist der Arbeitgeber verpflichtet, auch mögliche Risiken rund um den Arbeitsplatz Streifenwagen zu erkennen und entsprechende Schutzmaßnahmen für ihre Nutzer zu treffen. Die Sicherheit der Polizeibeschäftigten muss an erster Stelle stehen.

Einsatz von KI zur Vermeidung von Unfällen

Auch im Bereich des Arbeitsschutzes hat der KI-Einsatz somit viel Potenzial. In der Fachliteratur wird der Mensch als möglicher Risikofaktor bei der Bedienung von Maschinen beschrieben, weil er Fehler machen kann. Neben der emotionalen Verfassung des Menschen haben komplexe Systeme Einfluss auf die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Sie können zu einer Entlastung führen, jedoch birgt eine technische Komplexität auch die Gefahr der Überforderung des Menschen in bestimmten Lebenssituationen. Der Streifenwagen ist eine zu bedienende Maschine und die erfolgten Feststellungen entsprechend übertragbar. Bei möglichen Gefahren und Unfällen im Zusammenhang mit Streifenwagen denkt man zunächst an die klassische Einsatzfahrt mit Sonder- und Wegerechten, die Fahrzeugführer und Beifahrer sowie andere Verkehrsteilnehmer vor Herausforderungen stellt.

Bei den Fahrassistenzsystemen kommt KI bereits zum Einsatz. Die klassischen Innen- und Außenspiegel haben bald ausgedient und werden durch Kameras und Bildschirme ersetzt, die den Innenraum, die Blickrichtung sowie die Reaktion des Fahrers und das Umfeld des Fahrzeugs erfassen und darstellen. Sensoren liefern weitere Daten z.B. über die Verkehrssituation, die Beschaffenheit des Straßenbelags oder den Beladungszustand des Fahrzeugs.  Die KI-Assistenten werden mit diesen Alltagsdaten trainiert und lernen daraus, ihre Umwelt zu verstehen. Sie können in jeder Fahrsituation auf die Erfahrung aus Millionen anderer Situationen zurückgreifen, sie mit aktuellen Daten verknüpfen, die richtigen Schlüsse daraus ziehen und die richtige Entscheidung treffen. Und das in Höchstgeschwindigkeit verlässlicher und schneller als es ein Mensch je tun könnte. Das Auto wird intelligent und ist dann in der Lage, frühzeitig Gefahren zu erkennen, den Fahrer zu warnen und/oder selbstständig einzugreifen.

Bei Einsatzfahrten kann die KI also vorhersagen, wie sich eine Verkehrssituation entwickeln wird. Verkennt beispielsweise ein anderer Verkehrsteilnehmer auf der Vorfahrtstraße den herannahenden Streifenwagen im Kreuzungsbereich oder betritt ein Fußgänger unerwartet die Fahrbahn, kann sie den Streifenwagen abbremsen oder einen Lenkeingriff vornehmen.

In dieser Stresssituation können lernfähige Fahrassistenzsysteme den Fahrer aktiv unterstützen, eine schnelle Ermüdung vermeiden und Verkehrsunfälle insbesondere mit Personenschäden wirkungsvoll verhindert werden.

Verlassen die Fahrzeuginsassen den Streifenwagen am Einsatzort, kann ein intelligentes System vor Gefahren in der Umgebung warnen, denn es kennt den Einsatzgrund, hat das Umfeld im Blick und hat die damit im Zusammenhang stehenden potenziellen Risiken durch z.B. ungewöhnliches Verhalten oder herannahende Personen oder Fahrzeuge frühzeitig erkannt. Eine deutliche Aufwertung der heute verwendeten Videoeigensicherungsanlage und so ein Mehrwert für die Eigensicherung der Kolleginnen und Kollegen.

Aktuell sind die Streifenwagen mit den etablierten Sicherheitssystemen der Serienfahrzeuge umfangreich ausgestattet. Wenn jedoch der Fahrassistent im Rahmen einer Einsatzfahrt hart eingreift, obwohl man im wahrsten Sinne des Wortes alles im Griff hat, wird es gefährlich. Entscheidend ist, dass die verwendeten Systeme speziell für die besonderen Bedürfnisse der Fahrzeugflotten der BOS entwickelt werden, sich zumindest aber auf diese abstimmen lassen. Hier ist mehr als das Standardangebot der Fahrzeuge für den zivilen Markt erforderlich. 

Neben einer ausführlichen und wiederholenden Unterweisung in die Bedienung sind regelmäßige Fahr- und Sicherheitstrainings notwendig, um nicht neue Gefahrenpotenziale zu schaffen und den Nutzen der KI-Systeme voll auszuschöpfen. Das sollte bereits in der Gegenwart selbstverständlich sein, denn die Einsatzfahrzeuge verfügen schon heute über Funktionen, die in privaten Fahrzeugen nicht immer vorhanden sind.

KI als entscheidender Faktor für die Verbesserung der Polizeiarbeit

Die Nutzung von KI ist eine zentrale Voraussetzung zum Gelingen des autonomen Fahrens. Durch diese Funktion kann der Streifenwagen die Einsatzkräfte bequem zum Einsatzort bringen, wenn es mal nicht eilig sein muss. So kann man die Fahrt sinnvoll nutzen, um sich auf das Einsatzszenario vorzubereiten.

Während heute der Fahrer „auf Streife“ noch selbst mit dem Fahren beschäftigt ist und den Beifahrer maximal mit der halben Aufmerksamkeit bei der Verkehrsüberwachung, beim Entdecken auffälliger Personen etc. unterstützen kann, bewegt sich das Einsatzfahrzeug der Zukunft im Fahrmodus „Streifenfahrt“ autonom durch die Straßen und ermöglicht Beifahrer und Fahrer sich auf die wesentlichen Aufgaben im Streifendienst zu konzentrieren.

Unter Nutzung von KI lernt das Auto den Fahrer kennen, erkennt ihn durch biometrische Daten wieder und ermöglicht eine personalisierte Steuerung. Der Streifenwagen wird zum maßgeschneiderten Einsatzmittel.

Die KI sorgt für das perfekte Zusammenspiel zwischen Einsatzdisposition, Navigation zum Einsatzort, Einsatzabwicklung und -erfassung. Bereits während des Notrufs wird unter Berücksichtigung entscheidender Parameter, beispielsweise Besatzung, Fahrzeugklasse, Ausrüstung, der am besten geeignete Streifenwagen auf den Weg gebracht und mit den ersten Informationen versorgt. Im Navigationssystem wird durch den Abgleich der Echtzeitdaten mit dem Wissen der KI die optimale Route für eine schnelle Fahrt zum Einsatzort geladen. Während der Anfahrt erfolgt die Besprechung zu erwartender Einsatzszenarien mit dem Chatbot, der auch wichtige Informationen u.a. zum Einsatzort und zu erwartenden Personen liefert. Dadurch wird die Besatzung bestens auf den Einsatz vorbereitet und dabei unterstützt, präzise Entscheidungen zu treffen.  Der Sprachassistent des Fahrzeugs hilft im Anschluss bei der Erstellung der erforderlichen Schriftlage.

Durch den Einsatz von KI kommunizieren die Einsatzfahrzeuge nicht nur untereinander, sondern sind auch mit Lichtzeichenanlagen, Überwachungskameras und Informationssystemen verknüpft. So können Verkehrsströme gezielt gesteuert, in Echtzeit auf Videoaufzeichnungen zugegriffen und wichtige Informationen an die Bevölkerung ausgegeben werden.

Die Möglichkeiten des Dachbalkens beschränkten sich bisher auf die Signalgebung (Blaulicht, rotes Anhaltesignal, Textanzeigen) sowie die Beleuchtung des Umfelds. Zukünftig ist er mit KI ein lernender Schüler und kann ein wertvoller Helfer im Arbeitsalltag werden.

Eingebaute 360 Grad-Kameras gewährleisten einen uneingeschränkten Rundumblick. Damit wird nicht nur die Voraussetzung für eine effiziente Geschwindigkeits- und Parkraumüberwachung geschaffen, sondern auch für den Einsatz bei Fahndungsmaßnahmen oder der Veranstaltungsüberwachung. Die Zeit, in der bei Ringalarmfahndungen mit Zettel und Stift bei diffuser Beleuchtung Kennzeichen vorbeifahrender Fahrzeuge notiert worden sind, könnte endgültig der Vergangenheit angehören. Die Daten werden zukünftig über den Dachbalken erfasst und automatisch mit den Fahndungsbeschreibungen abgeglichen. Ausgestattet mit entsprechender Gesichtserkennungssoftware kann er potentielle Täter oder Gefährder identifizieren und wird damit zur mobilen Videoüberwachungsanlage. Weil er Unfall- und Tatorte scannen kann, werden objektive Beweismittel in Straf- und Ordnungswidrigkeitenverfahren erzeugt. Selbstverständlich wird das Einsatzgeschehen aufgezeichnet und bei Bedarf automatisch Verstärkung angefordert. So kann auch eine gezielte Nachbereitung des Einsatzes erfolgen.

Entscheidend für den Einsatzerfolg ist auch der schnelle Zugriff auf die richtigen Einsatzmittel zum richtigen Zeitpunkt, so dass wertvolle Zeit nicht durch Suchen verloren geht. Die Laderaumverwaltung ist nicht nur digital: so kann auch KI beim Griff in den Laderaum helfen, weil sie weiß, wo sich die zum Einsatzgrund passende Ausstattung befindet. Sie meldet zudem den Zustand und die Verfügbarkeit der Ausrüstung, so dass sie immer einsatzbereit gehalten und optimal genutzt werden kann.

Das wird auch beim Fuhrparkmanagement bei der Nutzung von Kraftfahrzeugen mit alternativen Antrieben erforderlich sein. Hier kann das KI-gestützte Verwaltungssystem anhand der örtlichen Fahrprofile und sonstiger Begebenheiten, des Einsatzzwecks sowie des Ladezustands die Einsatzfahrzeuge optimal einsetzen. Smarte Computersysteme können die Polizei bei der täglichen Arbeit unterstützen und Entlastung sein. Entscheidend ist aber: sie müssen so übersichtlich und intuitiv bedienbar bleiben, dass sie auch unter Stress nicht überfordern und zur Belastung werden.

Großes Potenzial vorhanden

Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. KI wird auch in Bereiche vordringen, die wir heute noch nicht erahnen. Er soll einmal die Chance verdeutlichen, durch Nutzung von KI die Effizienz und Sicherheit bei der Bewältigung von Einsatzlagen spürbar zu erhöhen. Bis es sich um eine sichere Alltagstechnologie handelt, sind entsprechende Erprobungen und Pilotierungsphasen unumgänglich. Sind alle Voraussetzungen erfüllt, kann KI in Einsatzfahrzeugen zur Gesunderhaltung, Sicherheit und Zufriedenheit der Beschäftigten der Polizei beitragen.